Mahout - ein Leben lang

„Die Tatsache, dass Menschen und Elefanten ungefähr gleich lange leben und zur gleichen Zeit erwachsen werden, bedeutet, dass sie ein ganzes Leben miteinander verbringen können. So können sie den Charakter des jeweils anderen über einen langen Zeitraum wirklich kennenlernen. Bei keinem anderen Tier ist das möglich. Da kommt zum Beispiel ein Junge in einem Elefantencamp zur Welt, und im selben Augenblick wird vielleicht im nahen Dschungel ein Elefantenkalb geboren. Und es kann geschehen, dass Kind und Kalb miteinander aufwachsen, miteinander spielen und ihr ganzes Leben lang zusammen arbeiten. Und nach 60 Jahren sind sie immer noch gute Freunde.J. H. Williams, Elephant Bill, London: Rupert Hart-Davis, 1950. Aus: Williams, Heathcote, Elefanten, Frankfurt am Main, 1992, Seite 135

Früher wurde der Beruf des Mahouts, des Elefantentreibers oder –führers, wie ein Königreich vererbt. Die Geschichten der Mahouts, die ihr ganzes Leben mit ihrem Elefanten verbringen und ihn nach ihrem Tod an ihren Sohn weiter geben, gehören ins Reich der Legenden. Dieses traditionelle Bild des Menschen, der mit seinem Elefanten lebenslang in inniger Freundschaft verbunden ist, entspricht nur noch in seltenen Fällen der Realität.

Einst gehörte der Beruf des Mahouts zur Ausbildung der Prinzen. Heute ist dieser Beruf wenig angesehen - bei gleich bleibenden Anforderungen: Ein Mahout verbringt mindestens 12 Stunden mit dem Tier, meist sind es 24. Oft lebt er auf dem gleichen Grundstück und organisiert sein ganzes Leben um die Bedürfnisse des Tieres. Er hat eine besondere Verantwortung für ein großes, intelligentes, kräftiges und potentiell riskantes Tier. Auch wenn Elefanten nicht von Natur aus feindlich sind, können sie für den Menschen sehr gefährlich werden. Wachsamkeit ist von entscheidender Bedeutung.
Die Bezahlung ist gering. Mahouts verdienen oft weniger als Lkw- oder Taxifahrer. Erst ein Elefantentreiber mit 25jähriger Berufserfahrung verdient etwa 6000 Rupien, was rund 120 Euro monatlich entspricht. Während ihres Arbeitslebens werden Mahouts oft mehrfach verletzt. Solche Verletzungen können auch ein Versehen sein, denn schon ein lässiger Schwung mit dem Rüssel kann Knochen brechen. Mahouts sind nicht versichert, und ein Unfall mit ihrem Elefanten kann sie jahrelang in finanzielle Nöte bringen.
Heute ergreifen diesen Beruf oft Menschen, die unerfahren sind und sonst kaum Chancen haben. Während Mahouterie früher eine Lebensstellung war, bleiben die Männer heute im Schnitt nur noch zwei Jahre in einer Stellung. Eine fatale Entwicklung, wenn man bedenkt, dass allein schon mit 10 bis 12 Jahren Praxis gerechnet wird, um einen solchen Beruf verantwortungsvoll zu erlernen.

Das Wohlergehen der Tiere wird heute vermehrt Amateuren anvertraut. Laut einer Studie haben 68 % der Mahouts wenig bis kein Wissen über die Bedürfnisse der Elefanten, was eklatante Folgen hat. Solche Umstände verstärken das Leid der Tiere, die selbst bei schlechten Lebensumständen eine enge Beziehung zu dem Mahout haben. Viele Mahouts, frustriert über ihre Situation, sind alkoholabhängig (eine weitere Erhebung spricht von 40 %) und reagieren entsprechend ungerecht. Ihr Wissensdefizit kompensieren sie mit Gewalt am Tier, um den Gehorsam zu erzwingen. Stöcke, Haken, Messer und Ketten kommen zum Einsatz anstelle von Liebe und Geduld.
Zwischen 1982 und 2000 starben nur im Bundesstaat Kerala 188 Mahouts durch die Attacken von Elephas Maximus. Und auch in europäischen und amerikanischen Zoos sterben mehr Menschen durch Elefanten, als durch alle anderen Tiere zusammen.

„Das war manchmal das Problem in Indien, wenn ich erzählte, ich sei ein Elefantenmann. Elefantenleute haben in der Gesellschaft einen niedrigen Stellenwert und werden von vielen Indern aus dem Mittelstand sozusagen nur mit spitzen Fingern angefasst.“
Kock, Karl: Elefanten mein Leben, Hamburg, 1994, Seite 131