„Musth“ – eine wahnsinnige Zeit

Bullen, die älter als 15 Jahre sind, kommen jährlich einmal in  „Musth“, was aus dem Hindi übersetzt „Berauschen“ bedeutet. Musth ist ein brunftähnlicher Zustand, der in der freien Wildbahn zwischen wenigen Tagen und vier Wochen dauern kann. Während dieser Phase haben die Bullen die höchste Paarungsbereitschaft und sind extrem aggressiv. Ein weiteres äußeres Zeichen für die Musth sind die sezernierenden Schläfendrüsen, aus denen eine klebrige Flüssigkeit tritt, die leicht an der Stelle zwischen Augen und äußeren Ohrenöffnungen zu erkennen ist. Musthbullen, bei denen es zu einer vielfach höheren Testosteron-Ausschüttung kommt, unternehmen in der Wildnis signifikant größere Tagesrouten, halten sich aber auch vermehrt in Familiengruppen auf, um paarungsbereite Weibchen zu monopolisieren.

Während der Musth erhöht ein Bulle seinen Rang und wird somit absolut dominant. Die anderen Bullen schließen sich in diesem Fall vermehrt zu größeren Gruppen zusammen. Meist befindet sich nur ein Bulle zur Zeit in Musth, wenn es mehrere sind, kommt es untereinander zu Kämpfen, und der Unterlegene verliert die Musthsymptome innerhalb weniger Tage.

Bei gefangenen Elefanten kann die Musth bis zu acht Monate dauern, was mit ihrer eingeengten, isolierten Haltung zusammen hängt, die keine Chance auf Paarung zulässt. Es ist sehr schwierig, gefangene Elefantenbullen während dieser Periode zu leiten, denn sie sind gefährlich und völlig unvorhersehbar. Die Aggression richtet sich vor allem gegen die Mahouts, die die Stellung eines dominanten Bullen einnehmen.

Musthbullen sollten unbedingt von jeglicher Arbeit befreit werden. In Gefangenschaft werden diese Tiere ununterbrochen an mehreren Beinen angekettet und bekommen das Futter nur zugeworfen. In Indien ist ein Elefant in Musth ein Schurke, den es zu unterwerfen gilt. Eine solche Einstellung ist höchste Grausamkeit und eine Ignoranz seiner Natur. Die angeketteten Beine reißen an den Ketten und so fügen sich diese Tiere starke Verletzungen zu. Manche Elefanten werden mit Cannabis oder Opium betäubt. Während der Musth geschehen die meisten Todesfälle der Mahouts.

Für Hindus und Buddhisten bedeutet Musth Fruchtbarkeit und Reichtum. In früheren Zeiten hat man versucht, Kriegselefanten besonders lange in Musth zu halten, damit sie auf den Schlachtfeldern aggressiver sind. Sie wurden mit Alkohol noch streitsüchtiger gemacht und mit verbundenen Augen zum Feind geführt.

Die Periode der Musth ist bisher nicht eingehend erforscht. Ein Erklärungsmodell besagt, dass Elefantenbullen in Musth kommen, damit auch nicht dominante Bullen dominant werden und somit die genetische Vielfalt erhalten bleibt.
Es ist überaus wichtig, dieses Symptom der Musth zu verstehen. Denn nur wenn es gelingt, Elefanten-Familien und Bullen in Gefangenschaft artgerecht zu halten und bestanderhaltend zu züchten, können diese Tiere dauerhaft vorm Aussterben bewahrt werden